"Klimpern" macht klug !

 

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Instrumentalunterricht die Intelligenz fördert. Von jeher wurde vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen aktivem Musizieren und Intelligenz bestehen muss.

Im Jahr 1998 belegt eine sechsjährige Langzeitstudie, die von Prof. Dr. Günther Bastian an Berliner Grundschulen durchgeführt wurde, dass „Gemeinsames Musizieren“ die Schüler klüger macht!

 

Aus dieser Tatsache, dass nach vier Jahren Instrumentalunterricht ein deutlich höherer Durchschnitts- IQ gemessen wurde als im Bevölkerungsdurchschnitt, ergeben sich neue Perspektiven im Fach Musik an Grundschulen. Konventioneller Musikunterricht reicht nicht aus, um eine erkennbare Verbesserung des Notendurchschnitts festzustellen. Walter Kern, Direktor einer Wiener Hauptschule, machte die Feststellung, dass bei gleichen Lehrern und trotz zusätzlicher Beanspruchung durch Musikunterricht und zusätzlicher Übungszeit für das Instrument in der Musikklasse, eine Notensteigerung von 0,7 bis 0,8 erreicht wurde, obwohl der Notendurchschnitt bei Schuleintritt gleich war. Selbst die spätere Entwicklung, wie Abitur, weiterführende Schulen und Studium, verläuft bedeutend positiver. Dr. Francis Rauscher und Dr. Gordon Shaw aus Amerika untermauern die Feststellung, dass Musikunterricht die Intelligenz von Kindern fördert. Beide gehen sogar einen Schritt weiter und behaupten, dass die Intelligenz von Kindern um ein Vielfaches besser von Musikunterricht als von EDV-Unterricht erhöht wird. Sowohl das Abstraktionsvermögen als auch die Fähigkeit, analytisch zu denken, werden durch das Musizieren stark verbessert. Es erfolgt ein gleichzeitiges Stimulieren des Intellekts, was langfristig zu einer akademischen Leistungssteigerung führt. Weil rationale, emotionale und motorische Elemente im Instrumentalunterricht gleichermaßen gefördert werden, entwickelt sich das Gehirn umfassender. Die Schüler werden schlauer, ihr Abstraktionsvermögen sowie die Fähigkeit, analytisch zu denken, werden gefördert. Emotionales Ausdrucksvermögen und Kreativität wird durch das Musizieren gesteigert. Rationale soziale und emotionale Aspekte sind Grund genug, die Notwendigkeit und Bedeutung des Instrumentalunterrichts hervorzuheben. Der Instrumentalunterricht ist an allgemeinbildenden Schulen eher die Ausnahme. In Form von Ergänzungskursen oder AGs wird das gemeinsame Musizieren gewährleistet. Instrumentalunterricht ist als solcher nicht in den Lehrplänen der allgemein bildenden Schulen vorgesehen. Je nach Engagement und Einsatz der Musiklehrer kann Instrumentalunterricht im Gruppenverband auch in der Schule realisiert werden. Die Musikschule trägt ihren Teil dazu bei, dass „ihre“ Schüler umfassend gefördert werden. Sie ist sowohl Ersatz- als auch Ergänzungsschule. Sie begleitet die Kinder nicht nur in den Jahren der Schulzeit, sondern setzt schon weit früher an. In der frühen Trotzphase (Begriff aus der Entwicklungspsychologie) zwischen 3½ und 5 Jahren werden die Kinder in der musikalischen Früherziehung auf spielerische Art zur Erreichung höherer Lernziele angehalten. Die musikalische Früherziehung deckt zum großen Teil Lehrinhalte der Vorschule ab. Selbst für das Kleinkindalter von 15 bis 20 Monaten bietet die Musikschule ein gezieltes Angebot, um den Bedürfnissen sowohl der Kinder als auch zum Teil der Eltern gerecht zu werden. Das Angebot im für Kinder im Vorschulalter verdeutlicht die Absicht der Musikschule: geistig „fitte“ Kinder heranzubilden, welche durch rationale, emotionale und motorische Elemente des Musikunterricht zu selbstbewussten, intelligenten Persönlichkeiten werden. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler an einer Musikschule beabsichtigt weder einen Musikberuf zu erlernen noch ein Musikstudium anzustreben. Kann es allein der Sinn sein, die Aufgabe deiner Musikschule derart zu definieren, dass möglichst viele „Sprösslinge den Weg an eine Musikhochschule schaffen?

Aus meiner persönlichen Sicht denke ich, dass selbstverständlich die musisch Begabten eine qualitativ gute Ausbildung und Betreuung erhalten müssen, um ihren künstlerischen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich denke, dass die Musikschule die einzige Institution (bis auf wenige Privatschulen und privater Instrumentalunterricht) ist, welche es den Schulabsolventen ermöglicht, Musik zu studieren. Woher erhalten eigentlich die Schülerinnen und Schüler aus den diversen Schulorchestern und Schulbands ihren Instrumentalunterricht? Nichtsdestotrotz muss immer nüchtern die Realität in der breiten Masse und die damit verbundene Notwendigkeit einer Schule gesehen werden. Das Laienmusizieren nämlich ist und bleibt der Schwerpunkt bei den meisten Schülerinnen und Schülern. Für den Fachlehrer scheint diese Tatsache dann zu einem Problem zu werden, wenn er ein gewisses Anspruchsdenken verfolgt. Mit dem Hintergedanken im Kopf, dass Musizieren die Intelligenz fördert, sollte man doch unabhängig von starren Literaturvorgaben den Kindern und Jugendlichen entgegenkommen und auf ihre Musikwünsche eingehen. Durch einige „pädagogische Tricks“ ist es sicherlich möglich, auch in alternativer Literatur ein „hohes Niveau“ zu schaffen. Vielmehr sind für mich die Kontinuität und die Ausdauer wichtig, mit der ein Instrument gespielt wird. Damit meine ich außer dem täglichen Überpensum den Zeitraum, wie lange man schon sein Instrument spielt. Selber musizieren, seinem Hobby nachkommen, sich selbst produzieren und immer dabei unter dem wissenschaftlichen Hintergrund, dass Musik wirklich klüger macht. Musik ist nicht nur aus künstlerischer Sicht von großer Bedeutung, sondern sie findet aus erzieherischer Sicht mehr Bedeutung. Meine anschließenden Ausführungen basieren sowohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch auf eigenen Erfahrungen, die ich in meiner zehnjährigen Berufserfahrung als Instrumentalpädagoge gesammelt habe.

Instrumentalmusik geht jeden an. Alle „profitieren“ durch selber Musizieren. Ich möchte durch meine Ausführungen die Eltern davon überzeugen, dass sie in jedem Fall gut daran tun, ihr Kind ein Instrument erlernen zu lassen. Der Leser soll sich davon überzeugen, dass sich das tägliche Üben und Musizieren auf die Intelligenz und auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes positiv auswirkt.

 

 

Perspektive Instrumentalunterricht

„Musik macht Kinder intelligenter“

Diese von mehreren Studien bewiesene Tatsache soll neue Wege aufzeichnen, welche das „Image“ und den Stellenwert Musikunterricht und insbesondere Instrumentalunterricht aufwerten. Musikunterricht erhält eine völlig neue Eigenschaft und nimmt eine Schlüsselrolle im Bildungs- und Erziehungswesen ein. Das eigentliche „Nutzen“ des Instrumentalunterrichts soll veranschaulicht werden. Als Instrumentalpädagoge und Leiter einer kommunalen Musikschule möchte ich dem Musikunterricht neue Perspektiven geben. In der heutigen Leistungsgesellschaft wird es zunehmend schwerer, Kinder zielorientiert und zugleich umfassend auszubilden. Zielgerechtes Lernen und dennoch umfassender im Allgemeinen erzieherischer Anspruch ist wünschenswert.

Es geht um Gedächtnisleistungen, Identitätsprozesse, allgemeine Persönlichkeitsmerkmale, Intelligenz, Emotionalität, Stabilität, Konzentrationsvermögen, Kreativitätspotentiale. Über fachspezifische Kenntnisse sollen allgemeine Bildungs- und Lernziele verfolgt werden. Forschungsergebnisse aus dem In- und Ausland belegen:

 

Alle diese Eigenschaften tragen dazu bei, „umfassen ausgebildet zu werden“. Mathematisch logisches Denken profitiert im starken Maße von der Musikerziehung. Die Frage stellt sich: darf die Musikerziehung in dem Maße verzweckt werden, dass sie als „Hilfslieferant“ oder sogar als ein „kultureller Sklave“ dem mathematisch-technischen Bereich unterstellt ist. Dient die Musikerziehung ausschließlich als Mittel zum Zweck für außermusikalische Bereiche? Werden wir das Fach Musik entwerten oder sogar missbrauchen, um Transferleistungen auszuüben? Der künstlerische Anspruch soll selbstverständlich das Maß aller Dinge bleiben. Den Anspruchsgedanken tragen ohnehin die Schülerinnen und Schüler mit sich herum, welche sich als angehende Musiker verstehen oder welche zumindest als solche von den Lehrern tituliert werden. Die Musik soll und muss aus ethischer Sicht erhalten bleiben.

Als Künstler versteht sich nicht unbedingt ein jeder, welcher ein Instrument wählt und sich mit seinem ersten Unterricht in die Welt des Musikers Einblick verschafft. Künstlerischer Anspruch soll dort gestellt werden, wo er benötigt wird.

 

An der kommunalen Musikschule beispielsweise finden sich „begabte“ Schülerinnen und Schüler, welche qualifizierten Unterricht benötigen, um auf einen musikalischen Werdegang hinzuarbeiten. Die Unterrichtspraxis zeigt, dass es meistens Einzelfälle sind, die eine Laufbahn als Musiker anstreben. Nur wenige Schülerinnen und Schüler sind bereit, an einem Musikstück wirklich zu „arbeiten“.

 

Der Großteil gibt sich damit zufrieden, ein Stück fehlerfrei spielen zu können. Man beschränkt sich auf das Nötigste. Artikulation und Phrasierung sind für die meisten Fremdwörter. Selbst nach langjährigem Unterrichten eines Schülers muss man die Feststellung machen, dass das Streben nach musikalischer Perfektion schlicht ausbleibt. Es ergeht vielen Lehrern ähnlich. Anspruchsdenken und alltägliche Praxis liegen weit auseinander. Soll es also Aufgabe des Lehrers sein, beides miteinander in Einklang zu bringen? Ich behaupte, dass sich die Grundeinstellung der Schülerinnen und Schüler zur Musik nicht entscheidend verändert. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler möchte „spielen“. Ein doch nur geringer Teil möchte artgerecht musizieren. Auch wenn es dem einen oder anderen Lehren Kopfschmerzen bereitet, dass sein Schüler nicht die Erwartungen erfüllt, die an ihn gestellt werden, so bleibt sein Unterricht nicht erfolglos. Verfolgt man nämlich den Werdegang der Schülerinnen und Schüler, so macht man eine interessante Feststellung.

 

Viele Kinder besuchen eine höhere Schule oder beginnen mit einer Ausbildung. Sie sind in der Gesellschaft integriert und erfolgreich im Beruf. Man strebt ein Studium an oder beginnt eine Lehre.

 

Wie auch immer, es erstaunt, dass selbst „mäßig Begabte“ Ihren Weg gehen und obendrauf noch beruflich Karriere machen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Korreliert etwa Musikunterricht mit der geistigen Entwicklung der Schüler?

 

Es besteht in jedem Fall ein Zusammenhang. Die Musikschule leistet genau dort wertvolle Dienste, wo eine allgemeinbildende Schule an ihre Grenzen gerät. An allgemeinbildenden Schulen finden wir nämlich die Schüler in großen Klassenverbänden wieder. Es ist in großen Gruppen sehr schwierig, ja sogar für den Lehrer unmöglich, auf Einzelne Rücksicht zu nehmen.

 

Sicher gewährleistet die allgemeinbildende Schule Chancengleichheit und Bildung für „alle“. Kinder aus sozial schwächeren Familien profitieren von der allgemeinen Schulpflicht. Dennoch geht im großen Klassenverband vieles verloren. Selbst „Genies“ finden in der Schule nicht die nötige Aufmerksamkeit und Beachtung. Eine frühzeitige Erkennung und gezielte Förderung bleibt meistens aus. Auch hier schafft die Musikschule Abhilfe und wird ihrem Ruf als Ersatzschule vollends gerecht. Ich komme noch einmal auf den von mir gewählten Begriff der „kompletten“ Bildung zurück. Dieser Begriff ist etwa gleichzusetzen mit dem Begriff der Gesamtbildung. Es soll Ziel sein, die harmonische Entfaltung aller menschlichen Kräfte (Bernd Schaller) zu entwickeln und zu fördern. Nicht nur reines Wissen soll vermittelt werden, sondern darüber hinaus gilt es, Fähigkeiten zu entfalten, die das einzelne Kind in die Lage versetzt, sich zu einer selbstbewussten Persönlichkeit zu entwickeln. Genau diese Aufgabe macht sich die Musikschule zur Aufgabe:

 

Die Musikschule vermittelt außer reinem Wissen (z. B. Notenlehre) Kreativität und Abstraktionsvermögen.

 

Förderung der Phantasie scheint ebenso wichtig wie das Vermitteln von motorischen Fertigkeiten.

Die Gesamtpersönlichkeit eines Kindes kann sich nur voll entfalten, wenn die Möglichkeiten nach Kreativität und Leistungsbereitschaft gegeben sind. Im Gruppenverband wird die Fähigkeit zur Integration erhöht. Der Fachlehrer entscheidet über Größe und Besetzung der Gruppe. Er garantiert dem Schüler einen Lebensraum, in dem er sich adäquat entfalten und „entwickeln“ kann.

 

Musisch ästhetische Begabung kommt auch anderen Bereichen zugute. Ich erinnere mich an einen Schüler, der mit seinen gerade mal acht Jahren die Auffassung vertrat, dass er ja eigentlich gar nicht Klavierlernen wollte, sondern vielmehr „klimpern“ möchte. Das Notenlesen bereitet ihm wenige Schwierigkeiten, wenn man berücksichtigt, dass er so gut wie nie übt. Ständiges Motivieren und Überzeugungsarbeit leisten, dass selbst musizieren eine tolle Sache sei, blieb ohne Erfolg. Ich machte also große Abstriche bei meiner Vorstellung von einem effektiven Unterricht. Selbstzweifel und selbstkritische Gedanken verfolgten mich eine lange Zeit über. Seit etwa vier Jahren kommt mein Klavierschüler gerne in den Unterricht und es hat den Anschein, als wäre in dieser Zeit doch einiges „rübergekommen“. Man muss natürlich gestehen, dass man im Buch viel weitergekommen wäre, hätte man mal mehr geübt. Ich habe den Eindruck, als wenn er eine starke Entwicklung über diesen Zeitraum gemacht hat. Im Unterricht selbst wird sich viel unterhalten. Auffällig sind seine Gedächtnisleistungen. Er ist nicht nur in der Lage, auswendig zu lernen, sondern auch Kurzzeitgedächtnisleistungen zu vollbringen. Das Rechnen und Kombinieren von und mit Zahlen beherrscht er ebenso wie die Bestimmung von Landeshauptstädten. Die interessanteste Feststellung für mich aber war, dass er extrem phantasievoll ist. Ungewöhnlich für einen 10-jährigen, der förmlich in seine phantasievollen Abenteuergeschichten eintaucht und dort lebt. Ich lasse ihn ruhig berichten, darstellen, schauspielern und phantasieren, dabei versuche ich ihn nicht zu stören oder zu verunsichern. Ich versuche auf ihn einzugehen und ihn ernst zu nehmen. Mittlerweile plagen mich auch nicht mehr Gewissensbisse darüber, ob dies alles noch mit meinem Beruf als Instrumentalpädagoge zu vereinbaren ist. Ich weiß genau, dass sich eine feste Persönlichkeit entwickelt, die genau weiß, was sie will und was sie nicht will. Er besucht nun ein Gymnasium und kommt weiterhin zu mir in den Klavierunterricht. Er wird seinen Weg gehen, ohne dabei seine phantasievolle Abenteuerwelt zu verlassen. Sicher gehört dieser Schüler nicht zu den „Musterschülern“ der Musikschule, aber genau darum geht es ja auch nicht. Aufgrund der Tatsache, dass er gerne kommt und dass ich das Gefühl habe, er entwickelt sich, sehe ich keine Veranlassung, ihn nicht weiter zu unterrichten!

 

Er wird mit Sicherheit kein großer Musiker. Das, so versicherte er mir damals, wolle er ja auch gar nicht. Vielmehr sucht er das Spielerische und Kreative. Genau diese Elemente kommen ihm auf anderen Gebieten zugute. Er benutzt das Klavier, um seine Phantasiegeschichten in der Tonsprache darzustellen. Dieser Einzelfall ist natürlich nicht für alle anderen repräsentativ, da wir es mit kleinen Individuen zu tun haben, welche sich zu unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln. Dies ist auch aus meiner Sicht wünschenswert, da eine „Uniformität“ in der Ausbildung für die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler fatale Folgen hätte. Für die Mehrzahl der Kinder bleibt ihr Instrument ein „Hobby“, wie der Sportverein oder die Jugendgruppe. Für nur wenige bedeutet das Musizieren „mehr“. Diese Situation an Musikschulen soll die Lehrer nicht dazu verleiten, durch mehr Strenge und Durchsetzungsvermögen im Unterricht die Einstellung der Schüler zur Musik und zum Instrument selber zu verändern. Dies würde mit großer Sicherheit zu einer drastischen „Abmeldeflut“ führen. Man sollte aus der Situation und aus den Erkenntnissen eine Tugend machen und umdenken. Instrumentalunterricht bringt interessanterweise viele positive Nebeneffekte mit sich.

 

Die Diskussion darüber scheint lang und schwierig zu sein

Die Antwort liegt für meine Begriffe in der Instrumentalpraxis selbst. Verfolgt man den Werdegang der Schülerinnen und Schüler an der Musikschule, so stellt man fest, dass ein geringer Teil später einen musikalischen Beruf oder ein Musikstudium anstrebt. Der größte Teil der Schülerinnen und Schüler versteht „sein Instrument“ als reines Hobby und Leidenschaft. Selten stellt sich bei dem Schüler die Frage, beruflich in musikalische Bereiche einzudringen.

 

Ein geringer Teil der Kinder und Jugendlichen schmeißt die „Flinte ins Korn“. Entweder durch Desinteresse oder durch „mangelndes Talent“. Die letztere Umschreibung ist von mir bewusst überzogen und sogar falsch formuliert.

 

Ein wesentlicher Grund dafür, dass das Musizieren positiven Einfluss auf die Gedächtnisleistung nimmt und intelligenter macht, ist das „Notenlesen“. Auf diese Basis baut sich nun mal ein ordentlicher Instrumentalunterricht auf. Dazu müssen aber erst einmal die Zeihen und Symbole der Musiksprache verstanden werden. Zu beachten ist dabei, dass ein zu frühes Erlernen von Noten hinderlich ist, weil wichtige kreative Entwicklungsschritte des Kindes Übersprungen werden.

In der musikalischen Früherziehung (MFE) ist es deshalb unüblich, Noten zu lernen. Kinder können schon recht früh malen. Aus diesem Grund gibt man in der MFE den Kindern die Möglichkeit, in ihrer eigenen „Sprache“ als eine Art „Vorzeichenschrift“, Klänge und Geräusche, Stimmungen und Eindrücke zu beschreiben und malerisch festzuhalten. Hohe und tiefe Töne, laute und leise Töne werden durch Punkte, Linien und Striche dargestellt. Wichtig für Hör- und Malspiele im Vorschulalter ist das, was Kinder von sich aus empfinden und in ihrer eigenen „Zeichensprache“ ausdrücken. Erst später, in der musikalischen Grundausbildung (MAG), wird das musikalische Alphabet durchgenommen. Schulkinder, die bereits Buchstaben und Zahlen lernen, werden problemlos mit der „Notensprache“ zurechtkommen. Ich vertrete die Ansicht, dass die Musikschule, was das Notenlesen betrifft, der allgemeinbildenden Schule (hier Grundschule) weit voraus ist! Das „Notenlesen“ kann nur dann optimal gelernt werden, wenn eine direkte Umsetzung erfolgt. „Learning by doing“ ist das Erfolgsprinzip beim Erlernen von Noten. Was in der Notenschrift festgehalten ist, muss „lebendig“ gemacht werden. Der Begriff „Notenlesen“ ist falsch definiert und führt zu Missverständnissen. Es wäre angebrachter, von „Notenspielen“ als von „Notenlesen“ zu sprechen. Mal ganz ehrlich; wer von uns Pädagogen macht sich über die Problematik des Begriffes „Notenlesen“ Gedanken? Reines „Notenlesen“, also die namentliche Bestimmung von Noten macht doch ohne klangliche Umsetzung oder Realisation durch ein Instrument wenig Sinn!

 

Im Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen verlangt man Noten lesen zu können, ohne sich mit den Begleitumständen näher zu befassen. Das Notenlesen muss für Kinder, welche kein Instrument lernen, mit großen Anstrengungen verbunden sein. Wie soll ein 10jähriges Kind zu Hause üben? Wie kontrolliert es sich? Ich gehe noch einen Schritt weiter: Welchen Sinn für das Kind macht, ob es ein „c“ als „c“ erkennt oder fälschlicherweise als „d“? Es bleibt den Kindern nur der Weg des „trockenen“ Auswendiglernens. Die Frage stellt sich: Ist diese Art des Lernens wünschenswert? Besteht nicht die Gefahr, dass wir frustrierte Kinder heranziehen, welche mehr und mehr Desinteresse zeigen und sogar Abneigung gegen das Fach „Musik“ empfinden? Es wird so schon frühzeitig verhindert, dass Kinder in der Lage sind, musikalische Zusammenhänge zu erkennen und überhaupt logische Schlüsse zu ziehen.

 

Der „Quintenzirkel“ stellt als Musikthema in der Mittelstufe die Schüler vor derartige Probleme, dass aus meiner Sicht spätestens zu diesem Zeitpunkt der Musikunterricht nicht mehr funktioniert! Stupides Auswendiglernen ist unumgänglich geworden. Der eigentliche Lerneffekt bleibt aus. Aus diesem Grund legen viele Musiklehrer den Kindern nahe, ein Instrument zu erlernen. Man weiß genau um die Wichtigkeit und um die Notwendigkeit des Musizierens. Genauer gesagt um die Wichtigkeit, ein Instrument zu erlernen! Das „Notenlesen“ wird beim Musizieren beiläufig mittrainiert. Die klangliche Umsetzung der Notenschrift ist die beste und logischste Methode, Noten zu lernen. Es muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass das Fach Musik das einzige reine "Hörfach" ist! Darum scheint es paradox anzumuten, dass das Notenlesen ohne die Zuhilfenahme von Instrumenten praktiziert wird. Ein richtiges Erlernen der Musiksprache bleibt so aus. Eine Aufschlüsselung der musikalischen Symbole kann nur dann erfolgen, wenn eine praktische Umsetzung erfolgt. Allerdings, die Aufschlüsselung der musikalischen Symbole gelingt nicht immer bei jedem Kind ohne Probleme. Für viele Kinder, die zwar Noten kennen, bleiben diese Zeichen weiterhin abstrakt, solange sich nicht auch musikalische Zusammenhänge erschließen lassen.

Der Grund für solche Schwierigkeiten liegt oft in einer pädagogischen Vermittlung, welche die Funktionsweise des menschlichen Gehirns nicht genügend berücksichtigt. Eine Pädagogik, die einseitig linkshirnorientiert arbeitet und nicht das Zusammenspiel beider Gehirnhälften fördert, kann kaum ganzheitliche Denkprozesse fördern und anregen. Das reine Notenlesen wird zunächst weitgehend von der linken Gehirnhälfte gesteuert. Sie spezialisiert sich vor allem auf das Entziffern von Symbolen, das Verhältnis von Zahlen und Buchstaben, die Differenzierung von Fakten und ist für abstraktes Denken, Logik und Rationalisierung zuständig. Jemand, der jedoch beim Notenlesen hauptsächlich die linke Gehirnhälfte aktiviert, kann zwar die Noten „buchstabieren“, doch das klingende Ergebnis hört sich mechanisch an. Er spielt Töne, aber keine Musik. Erst im Zusammenspiel mit der rechten Gehirnhälfte bekommt das Gelesene musikalischen „Sinn“, Zusammenhang und emotionalen Gehalt. Die rechte Gehirnhälfte ist hauptsächliche zuständig für die ganzheitliche Verarbeitung von Eindrücken (z.B. Seh- und Hörreizen), außerdem für das Empfinden, für kreative Eingebungen und künstlerischen Ausdruck. Notenlesen verlangt demnach eine Unterrichtsmethode, die das Zusammenwirken beider Hemisphären ermöglicht. Neben dem rein intellektuellen Erfassen von Notennamen- und werten müssen mit gleicher Intensität auch Gehör und Klangvorstellung entwickelt werden. Der musikalische Lesevorgang spielt sich etwa folgendermaßen ab: Während das Kind die schwarzen Punkte entziffert, hört es mit dem „inneren Ohr“ und „greift“ bereits in Gedanken auf dem Instrument, das heißt, es werden entsprechende Bewegungsimpulse gegeben. Erklingt der Ton, kontrolliert das Ohr, ob er der inneren Klangvorstellung entspricht. Daraus ergeben sich weiter Impulse. So greifen sinnliches Wahrnehmen, Intellekt, Phantasie, Gestaltungswille und körperliche Reaktionen fließend ineinander. Beide Gehirnhälften arbeiten intensiv zusammen. Die rechte, intuitiv und emotional geprägte Hemisphäre befindet sich im regen Austausch mit der linken Gehirnhälfte, die für logisches Denken und Sprache zuständig ist. Das Frontalhirn, der Sitz unseres Kurzzeitgedächtnisses, wird stimuliert, wenn wir Musik empfinden, beziehungsweise komponieren. Das Notenlesen erfordert Aufmerksamkeit und Konzentration: Hier müssen abstrakte Symbole verstanden und Klänge über das Ohr analysiert werden. Ob Noten, Schachspiel oder Mathematik – hier kommt es auf räumliches Denken an. Mithilfe dieser neuronalen Netzwerke können wir Symbole, Figuren oder Zahlen visuell erfassen und als mentale Bilder verarbeiten. Melodien aktivieren dagegen die emotionalen Bereiche unseres Gehirns und regen damit auch unsere Ausdrucksfähigkeit an.

 

Ausdauer und Disziplin sind „Nebeneffekte“, die automatisch beim Erlernen eines Instrumentes auftreten. Sie treten dann auf, wenn immer wieder die gleiche Stelle in einem Stück geübt wird. Durch ständiges Wiederholen einer Passage lernt der Schüler auf „spielerische“ Art. Es wäre deshalb von Seiten der Eltern wichtig, die Kinder dazu zu ermutigen, öfters mal ein und dieselbe Stelle durchzuspielen und nicht „Wind aus den Segeln nehmen“ mit unbedachten und destruktiven Kommentaren, wie z. B.: „Ich kann es nicht mehr hören! Kannst du zur Abwechslung auch mal was anderes spielen?“ Derartige Aussagen von Seiten der Eltern verunsichern das Kind derart, dass sich sein Verhalten und die Einstellung zum Üben und zur Musik ändern. Schließlich hört man eher auf das, was die Eltern einem sagen. Mich würde interessieren, ob diese oder ähnlich Kommentare auch dann fallen, wenn beispielsweise ihr Kind für den Deutsch- oder Sprachunterricht einen Text auswendig lernen müssen (!?)

 

Auch das soziale Lernen wird beim Musizieren gefördert: Beim Zusammenspiel lernen Kinder sensibel aus andere zu hören. Erstaunlich dabei ist das Verhalten untereinander. Kaum entsteht unter den kleinen „Musikern“ Neid und Missgunst. Kinder sind im Kindergartenalter und noch im Grundschulalter sehr direkt und können zum Teil sehr verletzend sein. Neid und Missgunst sind Eigenschaften, die in unserer Leistungsgesellschaft leider keine Fremdwörter sind. Bemerkenswert ist daher meine Beobachtung, dass selbst in etwas größeren Gruppen die Verständigung und das „miteinander können“ gewährleistet ist. Mir ist gerade mal ein einziger Fall bekannt, wo ich im gemeinsamen Einvernehmen mit der Fachleiterin eine Gruppe auflösen musste, da ein „Störenfried“ für Unruhe sorgte.

Dieses Beispiel fällt aus folgendem Grund aus dem Rahmen, weil der Schüler stark hyperaktiv war und im Einzelunterricht besser aufgehoben schien. Trotz Leistungsunterschieden, welche in Gruppenverbänden leider nicht zu vermeiden sind, kommt es nicht zu üblichen „bissigen Bloßstellungen“ und verbalen Angriffen auf „schwächere“ Schüler. Man hat eher das Gefühl, dass Rücksicht auf Schwächere genommen wird. Man zeigt Verständnis und Toleranz! Ich denke, dass diese „verblüffende“ Beobachtung darauf zurückzuführen ist, weil die Kinder an der Musikschule schon frühzeitig eine musik-ästhetische Erziehung genießen, welche für die Persönlichkeitsentwicklung von großer Bedeutung ist. Das soziale Lernen wird beim Musizieren stark gefördert, da die Kinder lernen, im Zusammenspiel sensibel auf andere zu hören. Die Einstellung der Kinder in einer „Musikgruppe“ führt weitgehend zu der Annahme, dass die Kinder eher darauf bedacht sind, „richtig“ zu spielen, um den anderen Mitspielern nichts „kaputt“ zu machen und weniger, dass sie Konkurrenz- und Wettbewerbsgedanken hegen! Die Kinder sind und reagieren derart eigenständig, dass sie mit ihrer Umwelt leichter und unbeschwerter umgehen, als Kinder, die nicht musizieren!

 

„Selbst das persönliche Engagement drückt sich in der Intensität der neuronalen Veränderung aus“, so der Wiener Neurophysiker Hellmuth Petsche. „Wir wissen aus allen verfügbaren Studien, dass Kinder, die neben dem normalen Schulunterricht zusätzlich in Musik unterrichtet werden, auch in anderen Fächern besser abschneiden.

 

Das Erlernen eines Instruments scheint zu bewirken, dass sich das Gehirn ganzheitlicher und „komplett“ entwickelt. Nur eine aktive Beschäftigung mit Musik garantiert eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit sämtlicher Bereiche des Gehirns! Diese wissenschaftlich bewiesene Feststellung gibt mir Anlass darauf, aufmerksam zu machen, dass es um allgemeine Intelligenzleistungen geht. Instrumentalunterricht nimmt einen durchaus positiven Einfluss auf schulische Leistungen. Nicht nur im Fach Musik profitiert der Schüler vom Instrumentalunterricht, sondern sogar in den „Hauptfächern“.

Dank der großartigen Forschungsarbeit von Hans Günther Bastian an einer Berliner Grundschule ist die Funktion und Bedeutung von Instrumentalunterricht neu zu definieren. Instrumentalunterricht geht jeden etwas an! Da es nun feststeht, dass Musik klug macht, sollten alle Eltern angesprochen sein. „Musikschulunterricht“ soll nicht nur für wirklich Musikinteressierte oder Musikbegabte vorbehalten bleiben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alle Kinder eine gewisse Affinität zur Musik haben. Sei es in aktiver oder eher passiver Form. Selbst solche Kinder, welche wenig Spaß am Selbstmusizieren zeigen, hören doch gerne Musik. Der Umgang mit Musik, in welcher Art auch immer, beeinflusst Kinder eher positiv. Es sollte daher Aufgabe sein, im frühen Kindesalter das Interesse an der Musik und später am Musizieren zu wecken und den Kindern darauf „Appetit“ zu machen, verschiedene Instrumente auszuprobieren. Es muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden, die dahin geht, dass sich die Musikschule als wichtige Angebotsschule für alle versteht. Es muss sich die Frage stellen: „Was ist uns als Eltern für die Erziehung unserer Kinder wichtig?“ Für viele Eltern scheint der Instrumentalunterricht eine zeitliche Belastung zu sein. Wie häufig ist es von Seiten der der Eltern zu hören, dass neben den vielen Schularbeiten dem Kind wenig Zeit bleibt, für sein Instrument zu üben. Es scheint für viele Eltern logisch, den Instrumentalunterricht zu beenden, um damit dem Kind mehr Zeit für die Schulaufgaben oder für die ausgleichende Freizeitgestaltung einzuräumen. Warum soll man sich noch in der Freizeit am Instrument quälen? Ich denke, dass durch Überzeugungsarbeit die Einstellung der Eltern dahingehend verändert werden muss, damit sich solche Fragen in Zukunft nicht mehr stellen!

 

Der zeitliche Aufwand ist gering. Die Kinder nehmen einmal wöchentlich am Musikschulunterricht teil. Der Unterricht erstreckt sich dabei in der Gruppe über 45 Minuten und im Einzelunterricht sogar nur über 30 Minuten! Der zeitliche Aufwand für die Hausaufgaben ist gemessen an den Hausaufgaben an einer allgemeinbildenden Schule ist sehr gering! Den Kindern bleibt neben dem Instrumentalunterricht noch genügend Zeit für andere Dinge. Der Instrumentallehrer nimmt weitgehend Rücksicht auf die zeitliche Beanspruchung der Schüler.

 

In Russland hingegen ist es üblich, dreimal in der Woche den Unterricht an einer Musikschule zu besuchen. Zwei praktische und eine theoretische Stunde müssen dort die Kinder in der Woche absolvieren. So handwerklich sich manches beim Musizieren auch anhören mag, es ist doch eine geistige Tätigkeit. Musizieren gilt auch als einzig geistige Tätigkeit, die es ermöglicht, den Entstehungs- und Entwicklungsprozess in allen Einzelheiten wahrzunehmen und zu verfolgen. Jeder Lernschritt ist also ein hörbarer Fortschritt, ein klingendes Ergebnis. Die symbolhafte Notenschrift in Musik zu versetzen, ist oberstes Gebot! Das spielende Kind spürt, wo es gerade steht und kontrolliert sich dabei über das Gehör. Es wird sensibilisiert und es entwickelt sich auch erstmals die Fähigkeit zur Selbstkritik!

 

Nicht zuletzt bieten das Lernen und Üben am Instrument einen wichtigen Ausgleich zu den Lernformen, wie sie meist in der Schule verlangt und trainiert werden. Das „freie“ Spiel ganz ohne Noten und ohne „Muss“ gehört ebenso dazu wie konzentriertes Üben. Beides muss in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Viele Schüler beklagen sich über konsequentes und anstrengendes Üben. „Auflockerungen müssen daher einfach sein!“ Dieser Lernform kommt eine wichtige Bedeutung zugute.

 

Leider kann an allgemeinbildenden Schulen ein Instrumentalunterricht nicht in der Form erteilt werden wie an deiner Musikschule. Deshalb benötigen wir ein dichtes Netz von Musikschulen mit dem Ziel, Defizite bei Kindern auszugleichen und sie darüber hinaus geistig „fit“ und kreativ zu machen. Man weiß, dass hier das Gehirn häufig einseitig strapaziert wird. Die Fähigkeiten der linken Gehirnhälfte sind gefragt: Denken, Logik, Abstraktion, verfügbares Wissen, Details und Fakten. Anders beim Musizieren auf einem Instrument. Hier kommt auch die rechte Gehirnhälfte in Schwung. Denn Musik wirkt auf beide Hemisphären anregend und ist ohne Zusammenarbeit zwischen rechts und links kaum denkbar. Diese Wechselwirkung von beiden Gehirnhälften ist es letztendlich, die eine „komplette“ und ganzheitliche Bildung ausmacht.

Dabei ist die linke Gehirnhälfte zuständig für das Lesen und Erfassen der Noten, für Notenwerte und Symbole, für Struktur und Analyse sowie die Funktionsweise des Instrumentes. Die rechte Gehirnhälfte dagegen für Empfindung, Intuition, Klangsinn, tonales Gedächtnis, Improvisation und ganzheitliches Erfassen. Was wäre ein exaktes und bis in alle Einzelheiten festgelegtes und eintrainiertes Stück (linkshemisphärisch), wenn da nicht dieser Brückenschlag im Gehirn stattfände?!

 

Ob allein oder mit anderen Spielern zusammen sind wir beim Musizieren auf Gespür und Phantasie, auf Voraushören, spontanes Aufeinander reagieren und Kommunizieren (rechtshemisphärisch) angewiesen. Und je nach Persönlichkeit und Neigung des Spielers werden diese beiden „Seiten“ unterschiedlich integriert und miteinander kombiniert. Abstraktionsvermögen und Vorstellungskraft werden so stark entwickelt, dass der Schüler später dann auch ohne Instrument (!) in der Lage ist, eine klangliche Vorstellung vom Notenblatt zu bekommen.

 

Es bildet sich eine „innere Stimme“ au, die den Schüler befähigt, selbst für ihn fremde Stücke näher zu bringen.

 

Der intensive Informationsfluss zwischen rechter und linker Gehirnhälfte beim Musizieren hinterlässt Spuren, die sich in Form und Funktion des Gehirns niederschlagen.

 

Mithilfe der Magnetresonanztomographie stellten Gehirnforscher fest, dass die Gehirne von Musikern im Gegensatz zu Nichtmusikern symmetrischer sind. Außerdem ist der Balken, die Verbindung zwischen den Gehirnhälften, stärker ausgeprägt. Und das umso mehr, je früher die Musiker mit dem Spiel auf einem Instrument begonnen haben.

 

Es steht außer Zweifel, dass Balance und Ausgewogenheit zwischen den beiden Hemisphären harmonisierend auf den ganzen Menschen wirken, was Kinder deshalb auch in anderen Bereichen ihres Lebens und Lernens zugutekommt.

 

Frühkindliche Sinneserfahrungen sind für die Struktur und für die Entwicklung des Gehirns von großer Wichtigkeit! Das Gehirn besteht aus Milliarden Gehirnzellen. Diese Zellen brauchen ständig Anregungen und Impulse, damit neuronale Schaltkreise miteinander verknüpft werden können. Diese neuronalen Schaltkreise sind dafür verantwortlich, dass sich Kinder emotional, sprachlich, logisch und motorisch entwickeln. Kinder durchlaufen sogenannte „sensible Phasen“, in denen sie auffällig schnell lernen. Es ist daher wichtig, innerhalb dieser „Phasen“ die „Feinverschaltung“ des Gehirns durch Reize und Impulse zu aktivieren und nicht verkümmern zu lassen. Die neuronalen Schaltkreise, welche aus verknüpften Nervenzellen bestehen, müssen durch Sinnesreize angeregt werden. Jede sensible Phase bildet eine große Anzahl von „Schaltstellen“ oder „Ablageplätzen“ für Informationen, die den eigentlichen Lernprozess bewirken. Diese „Ablageplätze“, oder richtig Synapsen genannt, können nur dann entstehen, wenn ausreichend auditive und visuelle Sinnesreize auf das Kleinkind ausgehen.

 

Bevor man Sprechen und Lesen lernt, müssen selbst solche Fähigkeiten wie Hören oder Sehen vorhanden sein. Die Verbindung von Augen und Ohren mit dem Hirn wird innerhalb einer solchen sensiblen Phase gelernt. In späteren Phasen werden dann andere Fähigkeiten entwickelt, ganz nach Prinzip eines Bauplans. Motorische, logische, emotionale, sprachliche oder sogar musikalische Fähigkeiten werden in zeitlich verschiedenen Lernphasen „abgelegt“. Die jeweiligen Lernphasen müssen schon im Kleinkindalter gefördert werden, da ungefähr ab dem zehnten Lebensjahr die Fähigkeit abnimmt, ein neues Medium (wie z.B. eine neue Sprache) zu erlernen.

 

Die Vernetzung des Gehirns erfolgt durch frühzeitige Sinnesimpulse und Anregungen in sogenannten sensiblen Phasen. Es steht fest, dass je früher damit begonnen wird, ein Instrument lernen, umso mehr Gehirnzellen für die Verarbeitung von Tönen aktiviert werden. Außerdem tritt bei Musikern eine verstärkte Vernetzung von Nervenzellen im Gehirnbereich auf. Die sensible Phase für das Instrumentalspiel beginnt bei drei Jahren. Die sensible Phase für das Notenlesen beginnt jedoch später. Ab dem Schulalter sind die Kinder in der Lage, die Symbolsprache der Notenschrift zu lernen. Durch frühen Umgang mit Musik werden auch andere Bereiche des Gehirns aktiviert. Dies fanden der Physiker Gordon Shaw und die Psychologin Frances Rauscher in einer Studie mit Drei- und Vierjährigen heraus. Die Kinder wurden acht Monate lang für eine Viertelstunde am Klavier unterrichtet. Die Musikkinder konnten vergleichsweise leichter und schneller Puzzles und Figuren zusammensetzen. Das räumliche Vorstellungsvermögen war gegenüber anderen Schülern ausgeprägter und die mathematischen Fähigkeiten waren deutlich besser. Einseitige und monotone Förderung reicht nicht aus, um vielseitig begabte Kinder zu entwickeln. In der MFE und bei den noch kleineren Kindern in der Gruppe der „Musikknirpse“ wird deshalb abwechslungsreich und vielfältig gelehrt. In der MFE zum Beispiel wird gesungen, gebastelt, gespielt, gemalt, musiziert und getanzt. Die Angebotspalette soll bewusst groß und vielseitig sein. Es werden dort nicht nur musikalische, sondern auch motorische, emotionale, logische und sprachliche Fähigkeiten vermittelt. Der natürliche Wissensdrang der Kinder wird automatisch gestillt.

 

Musikschule ist mehr als eine Ersatz- oder Angebotsschule. In der Musikschule sollen nicht nur „Musikbegabte“ speziell gefördert werden, sondern es sollen vielmehr alle Kinder in den Genuss einer breiten und umfassenden Bildung kommen. Vielleicht wäre es sinnvoller, der Musikschule der Stellenwert einer Vorschule gleichkommen zu lassen. Viele Eltern sollten verstehen, dass aus ihren Kindern durch den Besuch an einer Musikschule nicht zwangsläufig Berufsmusiker werden. Das Instrument versteht sich als Medium zum Erlernen und Umsetzen von einer Symbolsprache. Genau das lässt da Kind auf spielerische Art und Weise ganzheitlich lernen. Vielleicht definiert sich die Musik als eine Art Mittel zum Zweck. Musik als ein Mittel, um die Kinder intelligenter zu machen, auch für Bereiche, die mit dem Fach Musik nicht in direkter Verbindung stehen. Musik- und ganz besonders Instrumentalunterricht gewinnt doch durch seine wichtige Aufgabe einen ganz anderen Stellenwert, vor allem in der Öffentlichkeit. Die Arbeit von Instrumentalpädagogen wird geduldet und zur Kenntnis genommen. Selten wird deren Arbeit geschätzt, vielmehr wird von Seiten der Eltern kritisiert. Musikschulen stehen im Schatten der allgemeinbildenden Schulen und können sich auf kein Musikschulgesetz berufen, da es paradoxerweise kein Musikschulgesetz gibt. Weder Kindergärten (und später die Grundschule), noch irgendwelche anderen Vereine sind in der Lage, die Arbeit an einer Musikschule zu ersetzen. Die Öffentlichkeit soll verstehen, dass das ganze Musizieren einen starken Einfluss auf die Persönlichkeit und auf die Intelligenz nimmt. Ich denke, dass es keine besseren Argumente gibt, die Eltern davon überzeugen, dass sie in das „geistige Kapital“ ihrer Sprösslinge investieren und ihnen Unterricht an eine Musikschule zu ermöglichen.

 

Mehr Beachtung von Seiten der Industrie und Politik ist gefordert!

 

Erziehung beginnt in der „Keimzelle“ der Familie. In ihr werden die ersten und wichtigsten Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der Kinder gegeben. Angesprochen sind demnach primär die Eltern. Sie sind maßgeblich für die Bildung und den schulischen Werdegang ihrer Kinder mitverantwortlich.

 

Es bedarf also ein hohes Maß an Öffentlichkeitsarbeit sowie an allgemeiner Aufklärung. Diese Aufgabe muss sich ganz klar die Politik zu Eigen machen. Das Erziehungs- und Bildungswesen wird durch diese „neuen“ Erkenntnisse stark beeinflusst. Instrumentalunterricht erzielt eine enorme „Breitenwirkung“, die den Kindern eine optimale „geistige“ Grundlage für den späteren Werdegang ermöglicht. In Anbetracht dieser Tatsache sollten sich Politiker stärker für Musikschulen aussprechen. Die Industrie ist ebenso angesprochen. Der größte Teil der Schülerinnen und Schüler, der eine Musikschule besucht, ergreift meist einen Beruf in der Industrie. Unsere Industriegesellschaft verlangt nach Leistung, Ausdauer, Einsatzbereitschaft, Kooperationsbereitschaft und nach einem hohen Maß an Flexibilität! Dabei bezieht sich der Begriff „Leistungsgesellschaft“ nicht mehr auf körperliche Leistungen, sondern immer mehr auf die Arbeit mit dem „Kopf“, der geistigen Arbeit also. Durch die drastische Automatisierung in der Industrie und durch die enorme Entwicklung in der Computerbranche ergeben sich große Probleme. Viele Arbeitnehmer sind den turbulenten Veränderungen nicht mehr gewachsen. Die immer steigenden Ansprüche und die enormen Belastungen am Arbeitsplatz überfordern meist den Arbeitnehmer. Die Konsequenz ist im schlimmsten Fall die Arbeitslosigkeit. Andernfalls sehen sich viele gezwungen, sich weiterzubilden, um „geistig“ mithalten zu können. Meist sind solche Weiterbildungen mit hohen Kosten auf Seiten der Industrie verbunden. Außerdem ist festzustellen, dass es im Erwachsenenalter wesentlich schwerer fällt, zu lernen. Die Zugänglichkeit für etwas „Neues“ scheint im fortgeschrittenen Alter viel schwerer als in der Kindheit. Auch hier sind die „sensiblen Phasen“ für diese bittere Erkenntnis verantwortlich.

 

Selbstverständlich soll sich nicht daraus die Konsequenz ergeben, im Kindesalter bereits fachspezifischen Unterrichtsstoff durchzunehmen wie zum Beispiel das Lernen einer Computersprache. Die sensible Phase dafür muss genau bestimmt sein. Dennoch bietet der Instrumentalunterricht ideale Bedingungen dafür, den Zugang zu Sprachen und im übertragenen Sinne auch Computersprachen zu bekommen. Computerunterricht an Grundschulen ist schon längst nichts Neues mehr. Auch hier sollen doch schon in frühen Jahren die Kinder auf einen späteren Umgang mit dem Computer vorbereitet zu werden. Was mit dem Taschenrechner in der Grundschule begann, wird heute mit dem Computer fortgesetzt. Neu ist auch die Einführung einer ersten Fremdsprache an manchen Grundschulen. Mit dem Fach Englisch bekommen Viertklässler neben dem Fach Deutsch eine zweite Sprache hinzu. Ich denke, dass diese Maßnahme aus einer Notwendigkeit heraus ergriffen worden ist, um die Kinder „wettbewerbsfähig“ zu machen. Taschenrechner und Computer sind Medien, die eingesetzt werden, um später den Bedürfnissen und Erwartungen der Gesellschaft und nicht zuletzt der Industrie, welche neben dem Handwerk der größte Arbeitgeber Deutschlands ist, gerecht zu werden. Die Instrumentalpädagogen bereiten den „geistigen Nährboden“, auf dem später aufgebaut werden kann. Ihnen ist es mit zu verdanken, dass ihre Schülerinnen und Schüler leichter, schneller und umfangreicher lernen. Sie ebnen den Kindern den Weg für eine positive Zukunft. Fernab von Leistungsgedanken und Drill werden die Kinder ganzheitlich auf spielerische Art entwickelt. Die Vernetzung im Gehirn wird komplexer, es entstehen mehr und mehr Informationsstellen; die Grundlage für den eigentlichen Lernprozess. Welchen Weg die Kinder einschlagen, bleibt ihnen überlassen. Wir schaffen nur gute Rahmenbedingungen für eine leichtere und unbeschwerte Zukunft „unserer“ Kinder. Unsere Gesellschaft „verlangt“ nach Leistung und Erfolg. Wir Lehrer können und wollen die Kinder nicht dazu „abrichten“; vielmehr sollen die Kinder aus eigener Entscheidung heraus lernen, ohne Zwang und mit Freude am Musizieren. Ich denke, dass mit einer solchen Einstellung der Kinder viele Probleme später ausbleiben und dass die „Früchte“ des Unterrichts in vielen anderen Bereichen nicht nur in der Musik zu ernten sind!

Durch Instrumentalunterricht wird ein derart „geistiges“ Potential aufgebaut, das von Seiten der Industrie von großem Nutzen sein könnte.

 

Betrachtet man die jetzige Situation als Bespiel in der Computerbranche, so stellt man fest, dass es an qualifizierten Fachkräften in Deutschland fehlt. Es muss dringend nach Lösungen gesucht werden, um Abhilfe zu schaffen. Fehlt der „Nachwuchs“? Die Antwort ist „nein“! Dem Nachwuchs fehlt jedoch das notwendige, „geistige“ und „kreative“ Rüstzeug, um später den Anforderungen und Bedürfnissen am Arbeitsplatz gerecht zu werden. Was ist also zu tun? Es wäre ein Fehler, wenn man Kinder in einem zu frühen Alter fachgerecht schulen möchte, in dem die Voraussetzungen für einen Lernerfolg nicht gewährleistet sind, oder anders umschrieben, ein Alter, in dem diese „sensible Phase“ noch nicht durchlaufen wird. Im Grundschulalter werden die Kinder Lesen und Schreiben lernen. In diesem Alter sind die Kinder für Sprachen verschiedener Art zugänglich. Symbole und Zeichen werden ebenso leicht erlernt wie Buchstaben und Zahlen. Es scheint daher logisch, Kinder in diesem Alter mit dem Computer vertraut zu machen. Man muss aber bedanken, dass die Grundvoraussetzungen für ein erfolgversprechendes Lernen selbst am Computer viel früher geschaffen werden können. Kinder werden durch Instrumentalunterricht aufnahmefähiger und die Bereitschaft, etwas „Neues“ zu lernen, fällt leichter. Zurückzuführen ist dies auf die „Transferleistung“ von Musik. Ein Transfer ist als eine Lernübertragung oder als ein Mitlernen zu verstehen. Gemeint ist die Übertragung von Einsichten und Fertigkeiten, die in einer bestimmten Lernsituation oder einem Lernfeld gewonnen werden, auf andere, mehr oder minder vergleichbare Situationen oder Lernbereiche. Transferleistungen sind also dafür verantwortlich, dass durch Musik und genauer gesagt durch das Instrumentalspiel andere Bereiche und Fächer mitprofitieren, wie zum Beispiel Sprachen, Mathematik bis hin zu den Naturwissenschaften und EDV-Unterricht. Die Basis für eine umfassende „Mehrfachbegabung“ wird durch frühe Musik- und Instrumentalerziehung gelegt. Die Gehirnzellen werden durch tägliches Üben optimal trainiert. Beide Gehirnhälften müssen beim Musizieren gleich stark gefordert sein.

 

Instrumentalunterricht fördert das Sozialverhältnis der Menschen

Es mag vielleicht etwas übertrieben klingen, doch Instrumentalunterricht wirkt nicht nur positiv auf den Geist, sondern auch auf die Seele. Diejenigen, die selbst einmal Musik gemacht haben, werden mir wohl Recht geben. Musizieren entspannt, beruhigt, sensibilisiert und „sozialisiert“ die Kinder. Aggressionen und Gewaltpotentiale werden entweder abgebaut oder „umgewandelt“. Ich spreche aus eigener Erfahrung und erinnere daran, dass die Arbeit als Instrumentalpädagoge mehr und mehr erzieherische Fähigkeiten verlangt. Instrumentalunterricht versteht sich also auch als „Jugendpflege“. Die Persönlichkeitsstruktur wird durch Musikunterricht außerdem stark ausgebildet.

Was die Wirkung von Transfers im Persönlichkeitsbereich angeht, so ist davon auszugehen, dass menschliche Merkmale und Dimensionen des Verhaltens von unterschiedlicher Stabilität und damit veränderbar sind. Ein Transfer ist auch nicht auf intellektuell-kognitives Verhalten beschränkt, sondern psychomotorische und emotionale Reaktionen können sich als Transferphänomene erweisen.

Kinder werden zu charakterstarken und eigenständigen Persönlichkeiten herangezogen. Dennoch ist die Bereitschaft zur Integration innerhalb einer Gruppe ausgeprägt. Kinder, die miteinander musizieren, zeigen in ihrem Verhalten große Unterschiede zu anderen Kindern. Die Bereitschaft, anderen „zuzuhören“ ist eine Grundvoraussetzung für Toleranz und Solidarität. Der Umgang mit „sich“ und „seiner“ Umwelt ist für das Kind von großer Wichtigkeit. Musikästhetische Erziehung versteht sich auch als eine „humanistische“ Erziehung. Die Kinder fühlen sich alleine ebenso wohl wie in der Gruppe. Musizieren stärkt das „Wir-Gefühl“ und fördert den Teamgeist. Man darf sagen, dass sich Kinder beim gemeinsamen Musizieren „verständigen“. Musizieren versteht sich also auch als „Weltsprache“, die „zwischenmenschliche Brücken“ baut. Auffällig dabei ist, dass weder soziale noch nationale Unterschiede gemacht werden. Alle Kinder haben den Anspruch darauf, ganzheitlich in ihren körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Entwicklungen gefördert zu werden. Ein qualifizierter Instrumentalunterricht trägt dazu bei, dass auch Brücken zwischen Kulturen und Stilrichtungen geschlagen werden. Der Instrumentalunterricht leistet einen Beitrag zur grundlegenden Bildung, indem er die gestalterischen Kräfte der Kinder entwickelt, ihre Erlebnisfähigkeit erweitert und ihre Ausdrucksfähigkeit differenziert. Für eine sinnvolle Freizeitgestaltung muss er Anregungen und Hilfen geben. Durch den Umgang mit Musik wird das soziale Verhalten der Kinder gefördert, denn das gemeinsame Gestalten ermöglicht in besonderer Weise die Begegnung der Kinder. Gemeinsames Singen, Spielen und Musizieren hilft Kindern verschiedener kultureller und ethnischer Herkunft, sich kennen zu lernen und einander besser zu verstehen. Instrumentalunterricht legt die ersten Grundsteine für eine „offene“ und vor allem „aufgeschlossene“ Persönlichkeitsbildung. Durch den Lernprozess des Musizierens reifen die Kinder zu eigenständigen und charakterstarken Individuen, welche sich gegenüber ihren Mitmenschen als äußerst diplomatisch und verständnisvoll verhalten. Welche Erziehung erzielt vergleichbare Ergebnisse? Welcher Unterricht schafft es, auf „freiwillige“ und spielerische Art, intelligente und zugleich tolerante Kinder heranzuziehen?

 

Das gemeinsame Musizieren ist als einfaches, aber effektives Mittel zu verstehen. Zum einen organisieren sich die „Kids“ dort, wo sie die Möglichkeit haben, Musik zu machen. Probekeller oder Proberäume sind es in der Regel. Dadurch wird schon einmal verhindert, dass sie „auf der Straße hängen“ und eventuellen Ärger in der Öffentlichkeit machen. Zum anderen wird ihre Energie umgewandelt in Lautstärke. Das Resultat ist verblüffend. Durch das Musizieren ist man derart mit sich selbst beschäftigt, dass die Gewaltbereitschaft enorm zurückgeht.

 

Musikästhetische Erziehung bewirkt unter anderem:

 

Die wichtigste Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass in Gruppen Außenseiter und Einzelgänger nicht ausgegrenzt werden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist für die Kinder selbstverständlich. „Minderheiten“ entstehen so erst gar nicht, da sich eine starke Verbundenheit unter den Kindern zeigt. Toleranz und Humanität zeichnen die Kinder aus. Erziehung durch Musik festigt den jungen Menschen, stärkt sein Selbstvertrauen, sein Selbstwertgefühl und seine Urteilsfähigkeit. Sie führt den Einzelnen zum Gemeinschaftserlebnis und entwickelt Kräfte des sozialen Friedens. Die aktive Auseinandersetzung mit anderen oder früheren Kulturen schlägt Brücken zur eigenen Gegenwart und vermittelt Ausgeglichenheit. Das handwerklich orientierte Selbstmusizieren ist ein starkes Gegengewicht gegen den immer größer werdenden Warenkonsum. Kinder werden schon früh im spielerischen Umgang mit ihrem Instrument an die Gewohnheiten und das Niveau unserer modernen Leistungsgesellschaft herangeführt. Die Zuwachsraten in mehreren Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder sind bemerkenswert.

 

Zahlreiche Einzelergebnisse bestätigen den positiven Einfluss von Musik auf die allgemeine und individuelle Entwicklung der Kinder. Musik gilt dabei als sozialste aller Künste. Der Umgang mit Musik „öffnet den Menschen zum Mitmachen, zur Gruppe, zur Gemeinschaft. Musik ist mit sozialisierender und sozialethischer Wirkung als Kontaktmedium zu verstehen. Instrumentalunterricht im Gruppenverband versteht sich für die Kinder als „Erlebnisunterricht“!

Am Instrument wird nicht nur im strengen Sinn vorgespielt und reproduziert, sondern es wird ausprobiert, experimentiert und improvisiert. Auch diese Art des Miteinandermusizierens ist sowohl für den Geist als auch für die Seele von großer Bedeutung. Zum einen lernen die Kinder auf musikalische Art miteinander zu kommunizieren und aufeinander zu hören. In einer Form von musikalischem Frage-Antwort-Spiel lernen die Kinder „soziales“ Verhalten zum anderen werden die Kinder durch freies Instrumentalspiel kreativer und „origineller“. Sie werden kritikfähig und vermögen ihre und die Leistungen anderer objektiv einzuschätzen. Es erstaunt deshalb nicht, dass Kommentare wie etwa „Das werde ich niemals können!“ oder „Für mich ist das viel zu schwer!“ nicht die Seltenheit sind. Dennoch gewinnen die Kinder ein hohes Maß an Selbstvertrauen.

 

Auch dies ist ein längerer Lernprozess, in dem der Instrumentallehrer eine besondere Rolle spielt. In seinem Ermessen liegt es, wie stark er seinen Schüler motiviert und aufbaut. Ich bin davon überzeugt, dass ein guter Instrumentalunterricht erheblichen Einfluss auf die Gefühlswelt der Kinder hat, denn zum „ordentlichen“ Musizieren gehört nicht nur eine solide Technik, sondern darüber hinaus auch Ausdruck und Einfühlungsvermögen. Der Geist und die Seele müssen beide beim Musizieren sensibilisiert werden. Sprechen wir doch besser von der Psyche. Kein anderes Medium als die Musik versteht sich auch so perfekt als „Therapeut“!

 

Fähigkeiten und Bewusstseinsformen der rechten und linken Gehirnhälfte

die linke Gehirnhälfte die rechte Gehirnhälfte

die rationale Seite die kreative Seite

 

Beim Musizieren werden beide Gehirnhälften angeregt. Nur das Wechselspiel beider Seiten ermöglicht ein sinnvolles Lernen!

Ein frühzeitiger Beginn mit Musik ist dringend anzuraten!

 

Denken wir noch einmal an die sensiblen Phasen. Sämtliche Entwicklungen hängen entscheidend davon ab, in welcher Zeit ein Kind Anregung und Förderung bekommt. Für das Spiel auf einem Instrument liegt die sensible Phase zwischen drei und fünf Jahren. In diesem Alter zeigt der Instrumentalunterricht nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung des Gehirns. Je früher das Kind beginnt, ein Instrument zu lernen, desto mehr Nervenzellen werden aktiviert. Natürlich nehmen im fortschreitenden Alter die Gehirnzellen nicht ab, doch man lernt in frühen Jahren leichter. Das Gehirn ist wie ein Muskel, es muss jeden Tag trainiert werden, damit es nicht seine Elastizität verliert. Wird das Gehirn zu wenig beansprucht, funktioniert es müde und träge wie ein alter Motor. Wie der Muskelaufbau bei jungen Sportlern ist der Aufbau an intellektueller und kreativer Substanz von enormer Wichtigkeit.

 

Geschieht dies frühzeitig, so reicht später ein tägliches „Gehirntraining“ aus, um es geistig „fit“ zu bleiben. Das Wichtigste ist, aufnahmefähig für diversen Lernstoff verschiedener Lerninhalte zu sein.

 

Wenn ein kontinuierlicher Instrumentalunterricht durchlaufen wird, kann man davon ausgehen, dass das Gehirn intellektuell und kreativ ausgebildet ist. Auf musischem Weg werden also Kinder herangebildet, welche später leichter und schneller mit etwas „Neuem“ umgehen als andere. Kinder, die früh ein Instrument erlernen, werden auf spielerische Art umfassend geschult und trainiert. Ein frühzeitiges Lernen erspart ihnen später Zeit und Frustration im Umgang mit Erwartungen und Ansprüchen, die von Seiten der Umwelt gestellt werden. Das sollten die Erwachsenen beherzigen, dass ihre Kinder in jungen Jahren die besten „geistigen“ Voraussetzungen für ein leichteres Leben haben, denn das sind wir unseren Kindern schuldig.

 

Nachwort

Kinder sind das wertvollste Potential und die Zukunft unserer Gesellschaft!

Es lohnt sich in jedem Fall, Kindern eine solide schulische Ausbildung zu ermöglichen. Als Ausgleich zum Schulalltag bieten Vereine, Verbände oder Organisationen den Kindern unterschiedliche Programme zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Die Musikschule leistet ebenso durch ihr reichhaltiges Angebot ihren Beitrag zur sinnvollen Freizeitgestaltung der Kinder. Die Vorstellung der Gesellschaft von Aufgabe und Funktion einer Musikschule reduziert sich weitgehend dahin, dass diese „musischen“ Ausgleich zur „richtigen“ Schule bietet. Bleibt es bei dieser einfältigen Wertschätzung von Seiten der Öffentlichkeit, so wird über kurz oder lang die Musikschule ihrem Namen nicht gerecht. Eine Schule versteht sich nicht als bloße Freizeitstätte für Kinder. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Eltern nicht nur die Aufgabe und Funktion der Musikschule unterschätzen, sondern sie verkennen die auch leider. Mein Aufsatz soll einen Beitrag dazu leisten, dass Musik- bzw. Instrumentalunterricht mehr Beachtung verdient. Ich hoffe, dass nicht nur durch reine Fakten, sondern auch durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen die „Notwendigkeit Musikschule“ untermauert wird. Dass solch eine sinnvolle Freizeitgestaltung wie Musik auch darüber hinaus als geistiger Fitmacher fungiert, scheint vielen Eltern unverständlich und „zu weit hergeholt“. Dieses Unverständnis der Eltern begründet sich auch durch die fachspezifische Bewertungsform. Leistungen werden im Schulsystem durch Notengebung in den unterschiedlichsten Fächern dargestellt. Ab der zweiten Klasse spätestens werden die Schülerinnen und Schüler durch Zeugnisnoten bewertet.

Schon früh wird deutlich, welche Fächer einem Kind eher liegen und welche Fächer weniger. Auch schon frühzeitig wird globalisiert und pauschalisiert, denn spätestens in der vierten Klasse sollte feststehen, auf welche Schule gewechselt werden soll. Häufig hört man von Eltern, dass ihr Kind gerne rechnet. In Mathematik kommt es immer mit Einsen nach Hause. Lesen mag es weniger, schon gar keine Bücher. Von anderen Eltern wiederum hört man, dass ihr Kind gerne liest und bei Aufsätzen in der Schule kein Ende findet.

Im Großen und Ganzen erfolgt eine Einschätzung der Kinder in den Leistungen und Neigungen in den Hauptfächern. Lesen, Schreiben, Rechnen bilden die wichtigsten Grundvoraussetzungen für eine ordentliche schulische und später berufliche Laufbahn. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Eltern dem musischen Bereich weniger Wertschätzung zukommen lassen als den „wesentlicheren“ Fächern wie Deutsch, Mathematik und Sachkunde. Es ist paradox, dass gerade das Fach Musik, das mit seiner starken fächerübergreifenden Transferleistung die Kinde mit dem notwendigen Rüstzeug ausstattet, um gerade in den „wichtigen“ Fächern für ihre schulische und berufliche Zukunft gute Leistungen zu bringen, unter den Strich als „lästiges Nebenfach“ verkannt wird. Transferleistungen können nicht eindeutig von Lehrern nachgewiesen werden; schon gar nicht in Form von Zensuren. Kein Zeugnis beurteilt die Schüler im Hinblick auf vorschulische Förderung z. B. in Form von MFE oder den „Musikknirpsen“ an einer Musikschule. Man hält lediglich die erbrachte Leistung in Form einer Note fest und beurteilt den Schüler nach seinem Verhalten. Die Eltern von den Kindern, die den Elementarunterricht an einer Musikschule durchlaufen haben, wissen genau um die Bedeutung, gerade im Hinblick auf Schulleistungen. Transferleistung ist das Zauberwort, das die Kinder intelligenter und kreativer macht, was aber auch nicht gemessen werden kann! Stichwort Transferleistung und Mehrfachbegabung; Musik ist alles andere als „einseitig“. Sie korreliert stark mit anderen Fähigkeiten. Albert Schweizer und Albert Einstein waren beide Musiker. Einstein war Geiger und Schweizer war Organist. Beide machten die Musik bekanntlicher Weise nicht zu ihrem Beruf. Es stellt sich mir die Frage, ob ein Genie wie Einstein auch ohne jegliche musikalische Vergangenheit auf seine legendären Theorien gestoßen wäre.

Es geht um mehr als nur Musik; aber ohne Musik geht nur wenig! Musik ist kein Zaubermittel, oder Allheilmittel; vielmehr versteht sich die Musik als eine Art Katalysator. Musik vernetzt das Gehirn vollständig und bietet somit ideale Voraussetzung für ganzheitliches Lernen. Lernen fällt den musizierenden Kindern leichter. Grund genug, frühzeitig mit dem Elementarunterricht an der Musikschule zu beginnen. Wenn Kinder in ihren Alters- und Entwicklungsstufen musikalisch angeregt und gefördert werden, so bin ich davon überzeugt, dass Kinder auf spielerische Art das Lernen „lernen“.